"Diese Mannschaft hat Geschichte geschrieben!"

Österreich ist offensichtlich doch eine Fußballnation. Europameisterschaft mit österreichischer Teilnahme bedeutet schlicht: ganz Österreich sitzt vor dem Fernseher, im Stadion oder bei diversen Public Viewings und fiebert mit. Tagesthema unter Sportbegeisterten ist die Europameisterschaft und nach dem Sieg überschlägt sich der Kurier, hier auszugsweise und stellvertretend für viele andere Medien:

Die Österreicher versuchten […] früh, vor allem die Innenverteidigung, zu attackieren. Mit Erfolg. […] Das Spiel entwickelte sich zu einem sehenswerten Schlagabtausch.

Bei Österreich funktionierte vor allem das Umschalten in die Offensive sehr gut, in der Defensive hatte man Hochbetrieb… Österreich hielt mit viel Kampfgeist und dem Selbstvertrauen des Gruppenersten dagegen…

 

Interviews mit Playern, Trainern, Offiziellen:

„Wir sind einfach eine Familie, das ist das Wichtigste, wir haben das, was wir uns vorgenommen haben, perfekt umgesetzt.“(1)

„Herzlichen Dank an das Betreuerteam, was die geleistet haben, die letzten Tage war unglaublich….(Trainer, 2)

 

„Es ist schon etwas Besonderes, wenn man Geschichte schreibt….Wir sind überglücklich, dass wir uns unseren Traum erfüllt haben. Man kann es noch nicht so richtig realisieren.“ (3)

 

Bundeskanzler (4): "Es ist ein wahnsinnig toller Tag, ich bin extrem stolz auf diese Mannschaft und auch auf die Fans. […] Da ist etwas Großartiges entstanden, das uns allen viel Freude bereitet."

Leo Windtner: „… sind wir die Sensation in Europa, diese Mannschaft hat Geschichte geschrieben.“

Sportminister (5): „Wir haben heute eine Sternstunde des österreichischen Fußballs erlebt. Unser Team hat mit diesem sensationellen Sieg die hohen Erwartungen noch weit übertroffen. Es war für alle Fußballfans beeindruckend, wie souverän und mannschaftlich geschlossen unsere rot-weiß-rote Elf auch heute agiert hat.“

 

Haben wir diese Sätze noch im Ohr? Sportbegeisterte nicken jetzt, allerdings muss ich nun gestehen: alle oben angeführten Zitate, alle Statements sind nicht nach den Siegen des Frauen-Nationalteams in den Niederlanden entstanden, sondern sind vom 8.9.2015, nach dem entscheidenden Qualifikationsspiel der Österreichischen Fußball-Männer gegen die Schweden, als Österreich fix für die EM qualifiziert war. Österreich stand Kopf, das Wunderteam wurde gefeiert, "diese Mannschaft hat Geschichte geschrieben“.

 

Die Österreichische Mannschaft überzeugte mit Kampfgeist, mit Teamspirit und mit einem ansteckenden Siegeswillen. Die Spieler waren voll bei der Sache, jeder rannte für jeden und jeder wuchs so über sich hinaus.

 

Geht es nach den acht Millionen Trainern im Lande, hatte allerdings das komplette Team bereits im ersten Gruppenspiel der Europameisterschaft das Fußballspielen wieder verlernt. Die Spieler wirkten fahrig, nervös, nicht bei der Sache. Was war der Unterschied zu den Spielen in der Qualifikation?

 

Sehen wir uns die Ausgangssituation an: in der Qualifikation war die Erwartungshaltung relativ gering. Die geschundene österreichische Fußballseele war in den letzten Jahren ja nicht unbedingt erfolgsverwöhnt. Man hatte eine verpatzte WM-Qualifikation hinter sich, Marcel Kollers Vertrag wurde trotzdem verlängert, das Vertrauen der Fans war auf dem untersten Niveau, aber mit unerschütterlichem Optimismus dennoch vorhanden, der Druck hielt sich in Grenzen.

Jedes gewonnene Spiel in der Qualifikation hob die Spieler ein Stück weiter hoch auf die Welle, von der sie dann unter brausendem Getose bei der EM einzeln hinabstürzen konnten. Die österreichische Fußballseele ist fast ein bissl manisch-depressiv – ohne Zwischentöne. Von kollektivem ohrenbetäubendem Gejubel, das in Ausnahmefällen auch knapp 40 Jahre nachklingen kann, bis zur absoluten depressiv-bejaulten Katastrophe geht hierzulande alles ganz schnell.

 

Bei den Frauen blieb die Qualifikation von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, erst in der Gruppenphase wurden die Fans plötzlich wach. Die Ergebnisse waren ähnlich überraschend, die Spiele ähnlich ambitioniert. Was einen kleinen Unterschied ausmachte, war die Begeisterung fürs Spiel, die die Mädels besser rüberbringen konnten. Diese Freude, die Bundeshymne singen zu dürfen oder die Spanierinnen in ein Elfmeterschießen gedrängt zu haben – das war ansteckend und brachte Sympathien.

 

Der große Druck kam vor dem Semifinale. Plötzlich warteten die Däninnen – dieselben Gegnerinnen, gegen die im letzten Vorbereitungsspiel ein veritabler Sieg eingefahren werden konnte. Und Tausende Fans. Und die Medien mit einer vorher nie gesehenen Präsenz. So wie die Männer in der Gruppenphase wurden nun auch die Frauen von der Favoritenrolle überrollt und fanden sich in dieser unbekannten Funktion nicht zurecht.

 

Sowohl den Männern als auch den Frauen bleibt jetzt zu wünschen, dass sie noch viele Chancen bekommen, sich in die Rolle der österreichischen Sieger und Siegerinnen einzufinden. Dass das Potential dafür vorhanden ist, haben beide Teams eindrucksvoll bewiesen. Und wenn die gute Fee nun schon einmal da ist und wir weiterwünschen dürfen: ein besseres Gedächtnis für die österreichischen Fans – auch das hätten sich unsere Fußballer und Fußballerinnen verdient!

 

(1) Marko Arnautovic, (2) Marcel Koller, (3) David Alaba, (4) Werner Faymann, (5) Gerald Klug