Dartitis - wenn die Hand "NEIN." sagt

Spätestens seit Mensur Suljovic beim Grand Slam of Darts in Wolverhampton den von Blockaden gequälten Holländer Berry van Peer besiegte, weiß jeder Zuseher, dass der Spieler nicht nur zielen, sondern den Dart auch loslassen muss. Das Publikum hat mitgefiebert, mitgelitten mit Van Peer, der mehrmals zu seinem Wurf ansetzen musste, bevor er seinen Dart Richtung Board schicken konnte.

Du zielst, du setzt zum Wurf an – Nichts.

Du stehst an der Abwurfleiste und siehst das Board vor dir. Du sagst deiner Hand, wo der Dart landen soll. Du zielst, du setzt zum Wurf an – Nichts. Nochmals. Zielen, ansetzen,… Aus. Du wirst nervös. Was war das? Einfach zielen, werfen, loslassen, oder?

Oder.

Nicht mehr dein Kopf entscheidet, sondern deine Hand, und die entscheidet gegen dich. Die Hand blockiert, lässt den Dart nicht mehr los, gibt ihn nicht her. Spätestens jetzt wird dir heiß, spätestens jetzt ist es peinlich still rund um dich. Du blickst dich um, versuchst zu überspielen, wirfst wahrscheinlich krampfhaft irgendwo hin – einfach nach vor, einfach loslassen. Beim ersten Mal denkst du dir vielleicht noch nichts dabei, beim nächsten Mal bist du bereits verdammt unruhig. Irgendwie nach vorne, das muss doch wieder gehen! Spätestens, wenn du draufkommst, dass Scorer und Spieler am Nachbarboard in Gefahr sind, von deinen unkontrolliert weggedroschenen Darts getroffen zu werden, siegt deine Vernunft über deinen Willen und du gibst auf.

 

Dartitis hat in Eric Bristow das bislang prominenteste Opfer gefunden....

 

Swedish Open 1987: Eric Bristow, seit zehn Jahren der beste Spieler der Welt, steht am Oche und hängt. Keine Chance auf eine kontrollierte Wurfbewegung, er kann den Dart nicht mehr loslassen. „Dartitis“ hat ihr bislang prominentestes Opfer gefunden. Ein Zustand, der den Spieler blockiert seinen Dart kontrolliert loszulassen, ein Zustand, den Tony Wood vom „Darts World Magazine“ schon einige Jahre vorher mit diesem „entzündlichen“ Namen bezeichnet hat.Eric Bristow konnte nach mühsamem Training nochmals Weltranglistenerster werden, zu seinen ganz großen Erfolgen fand er jedoch nicht mehr.

 

Viele Spielerinnen und Spieler, die an Dartitis leiden, kommen nie wieder zurück ans Board, einige schaffen es mit dem gleichen unerschütterlichen Willen, der vorher möglicherweise das Problem verursacht hat. Die Ursachen von Dartitis sind bislang nicht bekannt, fest steht sowohl, dass Profis und routinierte Hobbyspieler gleichermaßen betroffen sind, sowie dass das Problem zwar anfänglich bei Wettkämpfen auftritt, später jedoch ebenso im Training – auch allein vor dem Board.

 

Der mentale Aspekt beim Weg zurück? Das Ausschalten des Kopfes!

Auch andere Sportarten haben ihre „Dartitis“: im Golf unter dem Namen YIPS bekannt, im Bogenschießen, Bowling, Cricket, Baseball oder Billard. Die Blockade passiert meist dort, wo ein Sportler gefordert ist, sehr präzise und zu einem exakten Zeitpunkt eine einzige Bewegung auszuführen.

 

Selbst wenn unbestritten ist, dass Dartitis ein mentales Problem ist, dem mit Mentaltraining begegnet werden kann, muss dieses vorerst im motorischen Bereich ansetzen. Eine Wurfumstellung, ein völlig neues Erlernen der Bewegung, ein Aufbrechen alter Bewegungsmuster und viel Geduld können zum Erfolg führen. Der mentale Aspekt dabei? Das Ausschalten des Kopfes und das Erlernen einer neuen Bewegung. Ob es eine völlige Heilung gibt – darüber gehen die Meinungen der Betroffenen (und nur diese sind hier die Experten) auseinander. Auch Mensur Suljovic war einst betroffen und niemals in besserer Verfassung als jetzt. Andere sind daran gescheitert... so wie ich.